Auf Basis des von Bernhard Badura et al. herausgegebenen Fehlzeiten-Reports 2025 der AOK, mit ungefähr 27 Millionen Versicherten die grösste Krankenversicherung Deutschlands, wird in diesem Beitrag das Thema «KI und Gesundheit am Arbeitsplatz» näher betrachtet. Der Fehlzeiten-Report verbindet interdisziplinäre Forschungsperspektiven mit Routinedatenanalysen und Befragungsergebnissen und ermöglicht so einen differenzierten Blick auf die Auswirkungen von KI auf Arbeit und Gesundheit. Die zentralen Befunde der Studie sollen zusammengefasst und aktuelle Forschung in konkrete Handlungsoptionen für Arbeitgebende übersetzt werden.
Die Routinedatenanalyse im Fehlzeiten-Report 2025 zeigt, warum das Thema «KI und Gesundheit» nicht als Sekundärproblem behandelt werden sollte. In Deutschland wird das Krankheitsgeschehen weiterhin massgeblich durch wenige grosse Krankheitsgruppen geprägt; sechs ICD-10-Gruppen verursachen 2024 rund zwei Drittel aller Arbeitsunfähigkeitstage (AUF-Tage). Besonders belastend für Arbeitgebende sind Langzeitausfälle. In diesem Bereich spielen psychische und Muskel-Skelett-Erkrankungen eine Schlüsselrolle. Parallel dazu nehmen Burn-outs als arbeitsbezogenes Erschöpfungssyndrom in der öffentlichen Diskussion zu, was auch statistisch augenfällig wird: Die AUF-Tage zur Diagnosegruppe Z73, unter anderem Totale Erschöpfung, Mangel an Entspannung und Freizeit, Unzureichende soziale Fähigkeiten, haben sich zwischen 2015 und 2024 in der AOK-Studie nahezu verdoppelt. Wichtig zu wissen: Z-Codes beschreiben keine klassischen Krankheiten, sondern Faktoren, welche die Gesundheit beeinflussen und Gründe für die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen darstellen.
Gleichzeitig hält KI Einzug in immer mehr Arbeitsprozesse – von Assistenzsystemen über automatisierte Einsatzplanung bis zu algorithmischem Management. Badura et al. beschreiben diese Ambivalenz im Überblickskapitel klar. KI verspricht Effizienz und Entlastung, kann aber auch Kompetenzdruck, engmaschige Leistungsüberwachung, Entgrenzung und Sorgen vor Jobverlust verstärken. An dieser Stelle ist die persönliche firmeninterne Kommunikation von allergrösster Bedeutung und kann richtiggehend zur Gesundheitsintervention mutieren. Wer KI einführt, muss vorausdenken.
Bezogen auf Arbeitsschutz- und Gesundheitslogik ist KI kein Gesundheitsfaktor per se, aber sie verändert die Arbeitsbedingungen und hat folglich sehr wohl einen Einfluss. Aufgabenverteilung, Taktung, Autonomie, Transparenz, Lernanforderungen, soziale Unterstützung und Grenzziehung zwischen Arbeit und Privatleben werden von der KI tangiert. Die Forschung zur KI-gestützten Arbeitsorganisation zeigt dabei wiederkehrende Muster: Häufig geht der Einsatz mit geringeren Handlungsspielräumen und höherer Arbeitsintensität einher; automatisierte Aufgabenvergabe und Leistungsbewertung können Autonomie und Vertrauensbeziehungen beschädigen, wie Martin Braun im Fachaufsatz «Auswirkungen der KI auf Arbeit, Beschäftigung und Gesundheit» im Fehlzeiten-Report 2025 erklärt. Ein zentraler Stressor ist weniger das Monitoring an sich, sondern der erlebte Kontrollverlust. Für Arbeitgebende ist dabei das Bewusstsein zentral, dass gesundheitliche Effekte dort entstehen, wo Künstliche Intelligenz «Arbeitsqualität» (Job Quality), also wie gut oder gesund ein Arbeitsplatz für die Beschäftigten ist, verändert. Positiv, wenn KI Anforderungen reduziert und Ressourcen stärkt; negativ, wenn sie Anforderungen erhöht und Ressourcen entzieht. KI wirkt über die Arbeitsgestaltung, nicht durch die Technik allein.
Der Fehlzeiten-Report dokumentiert, dass KI repetitives Arbeiten reduzieren und Überlast abbauen kann, insbesondere in bürokratisch geprägten Prozessen, wie David Matusiewicz im Fachbeitrag «KI in Prävention und Gesundheitsförderung» beschreibt. Entscheidend ist der Umgang mit der neuen Ausganglage: Produktivitätsgewinne müssen in einen nachhaltigeren Arbeitsrhythmus, echte Pausen, Qualifizierung oder höherwertige Tätigkeiten übersetzt werden, wobei monotone Restaufgaben keine Erholung ersetzen.
KI-gestützte Assistenzsysteme – bis hin zu Robotik – können körperlich schwere Tätigkeiten reduzieren und das Unfallrisiko senken. Das ist gerade vor dem Hintergrund relevant, dass Muskel- und Skelett-Erkrankungen zu den dominanten Treibern von AUF-Tagen zählen.
Der Report betont das Potenzial, Gefährdungsbeurteilungen durch automatisierte Verarbeitung und Analyse gesundheitsrelevanter Daten zu verbessern. Dieses Thema besprechen Lennefer et al. im wissenschaftlichen Artikel «Gefährdungsbeurteilung mit KI». Risiken können früher erkannt, gezielter adressiert und Unfälle bzw. Fehlzeiten vermieden werden. Auch in der Betrieblichen Gesundheitsförderung werden Personalisierung und Frühwarnsysteme diskutiert, beispielsweise durch eine Smartwatch, die Vital- und Aktivitätsmuster erfassen und Hinweise zu Mikropausen, Schlafhygiene oder Stressbewältigung gibt.
Ein interessanter, aber auch kontroverser Befund im Report ist die Tatsache, dass ein Teil der Beschäftigten lieber mit einem KI-gestützten System über Stress und Angst kommunizieren als mit der eigenen Führungskraft, u. a. wegen wahrgenommener Urteilsfreiheit und schneller Verfügbarkeit. Dies kann eine Chance sein, um niedrigschwellige Orientierungshilfe zu gewährleisten, ersetzt aber offensichtlich keine Führung, kein BGM und keine professionelle Versorgung. Wienrich & Völter-Mahlknecht analysieren dieses Spannungsfeld im Beitrag «Digitales BGM mit KI».
Aktuelle Studien beschreiben KI-spezifische Technostressoren wie autonome und intransparente Entscheidungen der KI sowie veränderte Mensch-KI-Dynamiken, die sich deutlich auf die Psyche auswirken können – wie etwa Lennefer, Schneider und Rösler im Beitrag zur KI-gestützten Gefährdungsbeurteilung zusammenfassen. Entscheidend ist die Bewertung durch die Beschäftigten: Wird KI als „Hindrance“, also als Behinderung und Erschwernis, erlebt, sinkt Innovations- und Leistungsfähigkeit. Befragungsergebnisse im Report machen zudem deutlich, dass Führungskräfte häufig Produktivitätsgewinne erwarten, während Beschäftigte teils von steigender Arbeitsbelastung berichten.
Wenn KI Effizienzgewinne primär in mehr Output, engere Taktung und permanente Verfügbarkeit übersetzt, steigen psychische Belastungen – und damit die Wahrscheinlichkeit von Langzeitausfällen. Der Fehlzeiten-Report benennt in mehreren Beiträgen eine „schleichende Entgrenzung“ zwischen Berufs- und Privatleben sowie wachsenden Leistungsdruck – etwa bei Dahm und Jauch.
Die Literatur zu algorithmischem Management zeigt, dass standardisierte, datengetriebene Steuerung Autonomie und Sinnhaftigkeit reduzieren kann, was Folgen für Wohlbefinden, Stress und Sicherheit hat. Diese Effekte sind allerdings nicht zwangsläufig so, sondern hängen von den organisationalen Praktiken ab. Das deckt sich mit dem Report-Befund, dass nicht die Technologie, sondern ihre Einbettung über Belastung oder Entlastung entscheidet.
Der Report nennt verlängerte Bildschirmzeiten und Bewegungsmangel als körperliche Risikofaktoren einer KI-geprägten Arbeitswelt. KI wird als Wissens- und Bürotool eingeführt, während die ergonomische und arbeitszeitliche Realität nicht mitgestaltet wird.
Wenn KI Gesundheits- oder Leistungsdaten aus Kommunikations-, Bewegungs- oder Nutzungsdaten ihrer Mitarbeitenden ableitet, wird das von ihnen nicht unbedingt als Fürsorge, sondern als Überwachung erlebt. Der Report beschreibt auf Basis der Befragungsergebnisse zur Digitalisierung explizit Sorgen über engmaschige Leistungsüberwachung. Die EU-KI-Verordnung (AI Act) verbietet bestimmte Praktiken mit «unannehmbarem Risiko», darunter Emotionserkennung am Arbeitsplatz. Für Arbeitgebende ist das nicht nur eine Rechts-, sondern auch eine Kommunikationsfrage: Wer Grenzüberschreitungen schon in der Konzeption ausschliesst, gewinnt Vertrauen.
Im Kern geht es um eine gesundheitsorientierte Gestaltung von KI im Unternehmen, kombiniert mit einer klaren Change-Kommunikation. Ziel ist es, dass Beschäftigte trotz technologischer Veränderungen ein Gefühl von Kontrolle, Kompetenz und Sinn behalten.
Wichtig ist zunächst, schon vor dem Einsatz von KI zu analysieren, wie sich die Arbeit im eigenen Unternehmen konkret verändert – etwa in Bezug auf Autonomie, Arbeitsrhythmus, Transparenz oder Lernanforderungen. Gleichzeitig sollten mögliche physische und psychische Risiken berücksichtigt werden. Auch bei der Erfolgsmessung reicht es nicht aus, nur auf Produktivität zu schauen; qualitative Aspekte wie Arbeitsqualität, Sicherheit und Belastung müssen ebenfalls einbezogen werden.
Darauf aufbauend sollten bestehende Instrumente wie die Gefährdungsbeurteilung und das Betriebliche Gesundheitsmanagement nicht erst im Nachhinein eingesetzt werden, sondern von Anfang an als Grundlage dienen. KI kann hier zwar unterstützen, allerdings nur dann sinnvoll, wenn zentrale Prinzipien wie Datenschutz, Zweckbindung und Transparenz konsequent eingehalten werden.
Ein weiterer zentraler Punkt ist die Partizipation der Beschäftigten. Wenn Mitarbeitende frühzeitig eingebunden werden, reduziert das Unsicherheiten, verbessert die Use Cases und erhöht die Akzeptanz. Gerade bei lernenden Systemen, die sich ständig weiterentwickeln, sind flexible und prozessorientierte Vereinbarungen sinnvoll.
Die Führung spielt eine entscheidende Rolle. Führungskräfte müssen die Veränderungen verständlich übersetzen, psychologische Sicherheit fördern und Überforderung ansprechbar machen. KI sollte dabei so eingesetzt werden, dass sie Selbstständigkeit und Lernfreude unterstützt, und nicht Unsicherheit oder Angst verstärkt. Beim Kommunikationsdesign kommt es darauf an, dass Beschäftigte klare und verständliche Antworten auf vier zentrale Fragen erhalten:
Darüber hinaus ist es wichtig, bewusst festzulegen, wie durch KI gewonnene Zeit genutzt wird. Ohne eine solche Regelung besteht die Gefahr, dass Entlastung in zusätzliche Verdichtung umschlägt, was wiederum Stress und Vertrauensverlust fördern kann. Sinnvolle Optionen wären etwa mehr Pausen, Weiterbildung oder eine bessere Verteilung der Arbeitslast.
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KI kann, richtig gestaltet, eine substanzielle Gesundheitsressource werden: weniger Bürokratie, mehr Sicherheit, bessere Prävention und passgenauere Unterstützung. Gleichzeitig zeigen der Fehlzeiten-Report und die aktuelle Forschung, dass KI neue psychische Belastungen erzeugen kann. Für Arbeitgebende lautet die strategische Konsequenz, dass die Einführung von KI sich als Gesundheitsgestaltung entpuppt. Wer Arbeitsgestaltung, Partizipation und präzise Kommunikation von Anfang an zusammendenkt, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass KI nicht nur produktiver, sondern auch nachhaltiger wirkt und folglich Fehlzeiten reduziert.
Denise Camenisch, Geschäftsführerin HMS AG
Denise Angélique Camenisch ist Geschäftsführerin der Health & Medical Service AG und Fachexpertin im Bereich Früherkennung, CM, BGM mit Schwerpunkt Arbeit und Gesundheit. Sie beschäftigt sich im Rahmen verschiedener Use Cases mit Künstlicher Intelligenz in der Arbeitswelt.
Einer der wichtigsten Gewinne der KI ist, dass sie etwas kann, was für Menschen viel schwieriger ist: Sie ist fähig, grosse Daten zu analysieren, darauf basierend Zusammenhänge sichtbar zu machen und die Kontexte schlussendlich wieder verständlich adressatengerecht aufzubereiten. Das hilft in der Kommunikation und der transparenten Darstellung von komplexen Zusammenhängen und somit dem gemeinsamen Verständnis.