• 03.09.2026
  • von Michaela Horn
Ergonomie – mehr als nur ein Stuhl oder ein höhenverstellbarer Tisch
Viele Unternehmen verbinden Ergonomie noch immer mit einem guten Bürostuhl oder einem höhenverstellbaren Tisch. Doch Ergonomie ist deutlich mehr als das: Sie ist das Zusammenspiel aus Arbeitsplatzgestaltung, Arbeitsorganisation, Verhalten und Unternehmenskultur. Für Arbeitgebende lohnt sich ein umfassender Blick, denn wer das Thema ganzheitlich angeht, reduziert Beschwerden, stärkt die Leistungsfähigkeit und schafft gesündere Arbeitsbedingungen.

Ergonomie beginnt bei der Arbeitsgestaltung

Ergonomie beginnt nicht beim Mobiliar, sondern bei der Frage: Wie lassen sich Arbeitsplätze und Abläufe so gestalten, dass Belastungen sinken und Gesundheit sowie Leistungsfähigkeit erhalten bleiben? 

 

Ein ergonomischer Arbeitsplatz entsteht, wenn mehrere Faktoren zusammenpassen: der Mensch mit seinen individuellen Voraussetzungen wie Körperbau, Fähigkeiten oder gesundheitlichen Einschränkungen; die eingesetzten Arbeitsmittel wie Bildschirm, Stuhl, Tisch oder Werkzeuge; die konkrete Arbeitsaufgabe inklusive Takt, Wiederholungen und Zeitdruck; sowie die Arbeitsumgebung mit Licht, Lärm und Temperatur.

 

Erst das Zusammenspiel dieser Elemente entscheidet darüber, ob Belastungen reduziert oder verstärkt werden. Ein hochwertiger Stuhl allein genügt nicht, wenn gleichzeitig Zeitdruck herrscht, Pausen fehlen oder Mitarbeitende nie gelernt haben, ihren Arbeitsplatz richtig einzustellen.

Wo Belastungen im Arbeitsalltag entstehen

Die meisten Beschwerden kommen nicht über Nacht. Sie entwickeln sich schleichend, durch langes statisches Sitzen, monotone Bewegungsabläufe, ungünstige Reichweiten und fehlende Haltungswechsel. Wer stundenlang in derselben Position arbeitet, belastet Rücken, Nacken, Schultern und Augen, selbst wenn der Arbeitsplatz auf den ersten Blick gut eingerichtet wirkt. Liegen Maus, Werkzeuge oder Materialien dauerhaft zu weit weg, steigt die Belastung für Schulter und Nacken spürbar an. Repetitive Tätigkeiten beanspruchen Muskeln, Sehnen und Gelenke einseitig und können mit der Zeit zu anhaltenden Beschwerden führen.
 

Was in vielen Unternehmen noch zu wenig Beachtung findet: Belastung ist nicht nur körperlicher Natur. Auch Arbeitsorganisation und Führungsverhalten wirken sich direkt auf den Körper aus. Wer permanent unter Zeitdruck steht, hält Schultern und Nacken unbewusst angespannt. Ständige Unterbrechungen und fehlende Planbarkeit sorgen dafür, dass Mitarbeitende dauerhaft angespannt bleiben, ohne es zu merken.
 

Hinzu kommt ein oft unterschätzter Faktor: fehlendes Wissen. Viele Mitarbeitende wissen schlicht nicht, wie Stuhl, Bildschirm oder Arbeitsmittel richtig eingestellt werden. Ein zu hoch platzierter Bildschirm zwingt Kopf und Blick nach oben und belastet Nacken und Schultern. Ein zu hoher Tisch lässt die Schultern hochziehen und die Unterarme in der Luft hängen. Ein zu niedriger Tisch begünstigt einen Rundrücken und schiebt den Kopf nach vorne.
 

Beschwerden entstehen selten durch einen einzigen gravierenden Mangel. Meistens ist es die Summe kleiner täglicher Ungünstigkeiten: statische Körperhaltungen, monotone Abläufe, schlecht platzierte Arbeitsmittel, fehlende Abwechslung, ungünstige Arbeitshöhen – und eine Arbeitskultur, in der niemand bewusst kurze Pausen einplant.
 

Ergonomie betrifft dabei nicht nur den Büroarbeitsplatz. In Lager, Logistik, Produktion, Service oder Gesundheitswesen zeigen sich Belastungen anders, aber nicht weniger deutlich: repetitive Bewegungen, Heben und Tragen, Zwangshaltungen oder fehlende Hilfsmittel stehen dort im Vordergrund. Gute Ergonomie setzt deshalb immer an der realen Tätigkeit an.

Was im Unternehmen wirklich wirkt

Ergonomie entfaltet ihre Wirkung dort, wo sie den Arbeitsalltag spürbar erleichtert, und das gelingt am besten mit Massnahmen, die Bewegungswechsel ermöglichen. 
 

Wer regelmässig zwischen Sitzen, Stehen und kurzen Gehphasen wechselt, unterbricht statische Belastungen und bringt mehr Aktivität in den Arbeitstag. Der Körper fühlt sich weniger steif an, Verspannungen nehmen ab und die Konzentration bleibt länger erhalten. Entscheidend ist dabei nicht, möglichst viel zu stehen, sondern die Position regelmässig zu wechseln. Als Orientierung empfiehlt die Suva rund 60 % Sitzen, 30 % Stehen und 10 % gezielte Bewegung.
 

Ein weiterer wichtiger Grundsatz: Mehr Hilfsmittel bedeuten nicht automatisch weniger Beschwerden. Hilfsmittel helfen dort, wo sie passend ausgewählt, korrekt eingestellt und im Alltag wirklich genutzt werden; und zwar gezielt dort, wo Belastungen tatsächlich entstehen, etwa Schulter und Nacken durch ungünstige Armhaltung oder das Handgelenk durch falsche Mausführung. Eine ergonomische Maus, ein neuer Stuhl oder ein höhenverstellbarer Tisch entfalten ihren Nutzen erst dann, wenn Mitarbeitende wissen, wie sie diese Arbeitsmittel richtig einsetzen. Deshalb sind kurze, praxisnahe Instruktionen direkt am Arbeitsplatz oft wirkungsvoller als allgemeine Schulungen. 
 

Kurze Unterbrechungen sind wertvoll, aber sie sollten nicht als einzige Massnahme verstanden werden. Ihren grössten Effekt entfalten sie im Zusammenspiel mit Tätigkeitswechseln, kleinen Bewegungsroutinen und einer Arbeitsgestaltung, die Pausen aktiv zulässt. Besonders bei sitzenden oder einseitigen Tätigkeiten können kurze Mobilisations- oder Kräftigungsübungen einen spürbaren Unterschied machen.
 

Gezieltes Krafttraining am Arbeitsplatz kann Nacken- und Schulterbeschwerden sowie Kopfschmerzen wirksam reduzieren. Bereits wenige Minuten, mehrmals pro Woche, reichen aus, um die Muskulatur zu stabilisieren und typische Bürobeschwerden zu lindern, vorausgesetzt, die Übungen sind einfach, alltagstauglich und nicht zusätzlich belastend. Die Suva stellt hierfür konkrete Programme und Übungen bereit, die sich im Büro ebenso einsetzen lassen wie in anderen Arbeitssettings.

Was im Unternehmen wirklich wirkt

Ergonomie wirkt am stärksten, wenn sie nicht punktuell, sondern systematisch angegangen wird. Fünf Bereiche sind dabei besonders relevant.

  1. Ergonomischer Mindeststandards definieren
    Ein sinnvoller erster Schritt ist die Definition ergonomischer Mindeststandards. Dazu gehören verstellbare Arbeitsmittel, gut positionierte Bildschirme, passende Beleuchtung und, je nach Tätigkeit, höhenverstellbare Arbeitsflächen. Ebenso wichtig sind ausreichend Platz für Bewegung, Arbeitsmittel im gut erreichbaren Greifraum (ohne Zwangshaltungen) sowie gute Akustiklösungen und Rückzugsorte für konzentriertes Arbeiten.Dabei gilt ein zentraler Grundsatz: Menschen sind verschieden. Sie unterscheiden sich in Körpergrösse, Händigkeit, Sehvermögen oder haben temporäre Beschwerden. Dieselbe Belastung kann je nach Person sehr unterschiedlich wirken, wie das nachfolgende Schubkarrenbild zeigt. Deshalb muss sich ein Arbeitsplatz flexibel anpassen lassen: Höhe, Reichweite, Sicht, Griffposition. Passende Hilfsmittel sollten unkompliziert verfügbar sein, damit die Arbeit für alle gut machbar ist.
     

    Abbildung_Gleiche-Belastung_individuelle-Beanspruchung_DE
    Quelle: www.vbg.de

     

  2. Bewegung planen: Sitzen–Stehen–Gehen
    Bewegung ist kein „Extra“, sondern ein Teil guter Arbeit. Arbeitgebende können das pragmatisch fördern, indem sie kurze Microbreaks ermöglichen, wechselnde Aufgaben oder Rotation einplanen und kurze „Mobilisations-Minuten“ zu Schichtbeginn oder in Team-Meetings etablieren. Auch sinnvoll gestaltete Wege und Abläufe können Positionswechsel ganz natürlich in den Arbeitsalltag integrieren.
  3. Schulungen konkret und arbeitsplatznah gestalten 
    Schulung wirkt dann, wenn sie konkret, verständlich und direkt auf die tatsächliche Arbeit bezogen ist. Mit wenigen Kernregeln (z. B. Bildschirmposition, Sitz-/Tischhöhe, Armauflage, Greifraum) lassen sich Fehlbelastungen schnell reduzieren. Ausserhalb des Büros braucht es jeweils spezifische Schwerpunkte: In Lager und Logistik sind Packhöhen, Hebehilfen und Laufwege entscheidend. In Produktion und Montage stehen Arbeitshöhen, Werkzeuggewicht und Haltearbeit im Vordergrund. Im Service geht es um Fahrzeugergonomie und Tragehilfen, im Gesundheitswesen um Transfertechniken, Teamarbeit und realistische Zeitfenster.
  4. Arbeitsorganisation mitdenken
    Ergonomie zeigt sich nicht nur darin, was am Arbeitsplatz steht, sondern auch darin, wie Arbeit geplant ist. Gibt es Aufgabenwechsel? Sind Abläufe realistisch getaktet? Gibt es Pufferzeiten und sind Unterbrechungen Ausnahme oder Regelfall? Wer Ergonomie verbessern will, sollte deshalb nicht nur Möbel beschaffen, sondern auch Prozesse prüfen. Denn wenn Mitarbeitende dauerhaft unter Druck arbeiten, bleiben selbst gute ergonomische Voraussetzungen oft hinter ihrem Potenzial zurück
  5. Ergonomie als Führungsaufgabe verstehen
    Letztlich ist Ergonomie eine Führungsaufgabe. Führungskräfte prägen, was im Alltag als selbstverständlich gilt: Pausen einlegen, Belastungen ansprechen, Hilfsmittel nutzen, die Position wechseln oder ungünstige Abläufe offen hinterfragen. Wenn Führung Gesundheit und Arbeitsfähigkeit ernst nimmt, wird Ergonomie Teil der Unternehmenskultur. Genau darin liegt für Arbeitgebende die eigentliche Stärke des Themas: Ergonomie verbessert nicht nur einzelne Arbeitsplätze, sie unterstützt eine Arbeitsorganisation, in der Menschen langfristig gesund und leistungsfähig bleiben.

 

Fazit

Ergonomie ist mehr als ein guter Stuhl oder ein höhenverstellbarer Tisch. Ergonomie wirkt, wenn sie als Gesamtpaket verstanden wird: passende Arbeitsmittel, durchdachte Abläufe, eine unterstützende Kultur und Führungskräfte, die das Thema vorleben. Arbeitgebende, die Ergonomie in Standards und Routinen verankern, reduzieren Beschwerden, und erhöhen die Zufriedenheit ihrer Mitarbeitenden.

Mitarbeiterportrait Michaela Horn

Michaela Horn, Stv. Chief Medical Officer, Fachärztin Arbeitsmedizin

Michaela Horn ist als Stv. Chief Medical Officer und Fachärztin für Arbeitsmedizin bei HMS tätig. In ihrer Funktion unterstützt sie Unternehmen dabei, gesunde und sichere Arbeitsbedingungen zu gestalten. Ihr Fokus liegt auf betrieblicher Gesundheitsvorsorge, Impfberatung, Risikobeurteilungen und arbeitsmedizinischen Fragestellungen an der Schnittstelle zur Verkehrsmedizin.